Lenzing-Aktie: Warum Analysten trotz Fortschritten vorsichtig bleiben
Nach dem Kurssturz und der Kapitalerhöhung zeigen die neuen Lenzing-Quartalszahlen erste Fortschritte beim Konzernumbau. Die Margen verbessern sich, doch hohe Verluste und die Verschuldung bleiben Herausforderungen. Was bedeutet das für die Lenzing-Aktie und wie beurteilen Analysten die weiteren Aussichten?
Erstveröffentlichung: 25.08.2026. Aktualisierung vom 1.11.2026.
Der Oktober war kein einfacher Monat für Lenzing. Die angekündigte Kapitalerhöhung sorgte für einen starken Kursrücksetzer. Notierte die Aktie Ende September bei knapp mehr als 20 €, waren es vor wenigen Tagen rund 10 €. Am 21. Oktober war es schließlich so weit: 34.756.362 neue Lenzing-Aktien wurden zu einem Bezugspreis von 8,65 € ausgegeben. Der Bruttoerlös betrug 301,2 Millionen Euro.
Für Anleger stellt sich nun die Frage, ob die Kapitalerhöhung und der laufende Konzernumbau die Voraussetzungen für eine nachhaltige Kurserholung schaffen. Die am 5. November veröffentlichten Quartalszahlen liefern dazu erste Anhaltspunkte. Während Lenzing bei der bereinigten operativen Profitabilität Fortschritte erzielt, belasten hohe Verluste und die Verschuldung weiterhin den Konzern. Analysten bleiben deshalb vorsichtig.
Lenzing-Quartalszahlen: Erste Fortschritte beim Konzernumbau
Die ersten neun Monate 2026 zeigen ein gemischtes Bild. Der Umsatz sank um 2,3 % auf 1,93 Milliarden Euro. Das bereinigte EBITDA blieb mit 353 Millionen Euro nahezu unverändert. Die bereinigte EBITDA-Marge verbesserte sich von 17,9 auf 18,3 %. Besonders deutlich fiel die Verbesserung im dritten Quartal aus: Hier stieg die bereinigte Marge gegenüber dem Vorjahresquartal von 13,3 auf 17,3 %.
Das ausgewiesene EBITDA sank hingegen um 7 % auf 316,4 Millionen Euro. Es wurde durch Restrukturierungsaufwendungen von 36,6 Millionen Euro belastet.
Unter dem Strich verbuchte Lenzing einen Verlust von 130,3 Millionen Euro. Dazu trugen insbesondere Wertberichtigungen von 136,1 Millionen Euro auf die Standorte Heiligenkreuz und Grimsby bei. Ohne Wertberichtigungen und Restrukturierungseffekte hätte der Konzern einen bereinigten Gewinn nach Steuern von 42,4 Millionen Euro erzielt.
Die Nettofinanzverschuldung lag Ende September bei 1,42 Milliarden Euro. Dieser Wert berücksichtigt die erst im Oktober abgeschlossene Kapitalerhöhung noch nicht.
Für das Gesamtjahr 2026 erwartet der Konzern nun ein bereinigtes EBITDA zwischen 430 und 460 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 425,6 Millionen Euro. Entscheidend für die weitere Entwicklung der Lenzing-Aktie wird sein, ob sich die verbesserte operative Profitabilität nachhaltig in höheren Ergebnissen und einer geringeren Verschuldung niederschlägt.
Die vollständigen Ergebnisse finden sich im Zwischenbericht für die ersten neun Monate 2026.
Lenzing-Aktie: Analysten bleiben trotz Fortschritten vorsichtig
Die Analysten bleiben bei der Lenzing-Aktie zurückhaltend. Raiffeisen Research empfiehlt „Halten“ mit einem Kursziel von 11,50 €. Die Deutsche Bank reduzierte ihr Kursziel Ende Oktober von 22 auf 12,70 € und bleibt ebenfalls bei „Halten“. Berenberg nennt 17 € als Kursziel. Alle Einschätzungen stammen noch aus der Zeit vor den Quartalszahlen vom 5. November.
Raiffeisen-Analyst Gregor Koppensteiner verweist auf die schwache Textilkonjunktur und den zunehmenden Wettbewerbsdruck: „Gleichzeitig begrenzen Überkapazitäten und die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit asiatischer Hersteller die Auslastung und Preissetzung im Markt für Cellulosefasern.“
Robuster entwickle sich hingegen das Vliesstoffgeschäft, etwa für Hygiene- und Reinigungsprodukte. Insgesamt sieht Koppensteiner Lenzing als langfristige Erholungsgeschichte für geduldige Aktionäre. Ob die jüngsten Fortschritte bei der Profitabilität die Analysten optimistischer stimmen, bleibt abzuwarten.
Eine Übersicht der Analysteneinschätzungen veröffentlicht Lenzing auf seiner Seite Analysten & Consensus.
Was die Kapitalerhöhung für Lenzing-Aktionäre bedeutet
Die Kapitalerhöhung erfolgte im Bezugsverhältnis 10:9. Für jeweils zehn bestehende Aktien konnten Aktionäre neun neue Aktien zu 8,65 € erwerben.
Dadurch stieg die Zahl der ausgegebenen Aktien von rund 38,6 auf 73,4 Millionen. Für Aktionäre, die ihre Bezugsrechte weder ausübten noch verkauften, verringerte sich der prozentuelle Unternehmensanteil um rund 47 %. Wer seine Bezugsrechte vollständig ausübte, konnte seine Beteiligungsquote hingegen grundsätzlich erhalten.
Die Kernaktionäre unterstützten die Kapitalmaßnahme. Das Aktionärssyndikat aus der B&C-Gruppe und dem brasilianischen Zellstoffkonzern Suzano hält nach der Kapitalerhöhung weiterhin rund 52,25 % der Stimmrechte. Davon entfallen rund 39,6 % auf die B&C-Gruppe und 12,6 % auf die Suzano International Trade GmbH. Zusätzlich erwarb die Suzano Holding S.A. eine direkte Beteiligung von rund 0,8 %.
Die endgültige Aktionärsstruktur erläutert Lenzing in seiner Mitteilung vom 29. Oktober 2026.
Neue Strategie soll Lenzing profitabler machen
Mit der Ende Juli vorgestellten Strategie „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ konkretisiert Lenzing seine Neuausrichtung hin zu einem weniger zyklischen und profitableren Geschäftsportfolio. Hintergrund sind anhaltende Überkapazitäten, die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit asiatischer Hersteller und eine geringere Zahlungsbereitschaft für nachhaltigkeitsbasierte Differenzierung im Textilgeschäft.
Mittelfristig strebt der Konzern einen Umsatzmix von jeweils rund 30 % für Textilien, Vliesstoffe und Zellstoff sowie rund 10 % für sonstige Aktivitäten an.
Teil des Umbaus ist die Neuordnung des internationalen Produktionsnetzwerks. Für den indonesischen Standort Purwakarta läuft ein Verkaufsprozess. In Heiligenkreuz im Burgenland soll die Produktion bis Ende März 2027 eingestellt werden, im britischen Grimsby bis Ende 2027. Für beide Standorte prüft Lenzing zugleich Verkaufsoptionen.
Mit dem Rückzug aus margenschwachen Standardfasern nimmt der Konzern zunächst geringere Umsätze in Kauf. Im Gegenzug sollen höherwertige Textilfasern, das Vliesstoffgeschäft und innovative Anwendungen für Hygiene- und Filterprodukte künftig stärker zum Ergebnis beitragen.
Lenzing plant Einsparungen von 120 Millionen Euro
Das Restrukturierungsprogramm sieht zusätzliche Einsparungen von insgesamt 120 Millionen Euro gegenüber 2025 vor. Sie sollen bis Ende 2027 vollständig ergebniswirksam werden.
Ein wesentlicher Teil entfällt auf den Personalabbau. Rund 600 Stellen sollen überwiegend in administrativen Bereichen wegfallen und jährliche Einsparungen von 45 Millionen Euro ermöglichen.
Ende September waren bereits die Dienstverhältnisse von mehr als 260 Vollzeitäquivalenten rechtlich beendet. Die damit verbundenen annualisierten Einsparungen beziffert Lenzing auf 27 Millionen Euro. Weitere 35 Millionen Euro sollen durch Optimierungen bei Energieverbrauch und operativen Kosten erzielt werden.
Hinzu kommen zusätzliche Einsparungen durch die Neuordnung des Produktionsnetzwerks und geringere Verwaltungskosten. Der Konzernumbau soll damit schrittweise die Profitabilität verbessern.
Lenzing will EBITDA-Marge auf 20 bis 25 % steigern
Mit dem Konzernumbau verfolgt Lenzing ambitionierte Finanzziele. Mittelfristig soll die EBITDA-Marge auf 20 bis 25 % steigen. In den ersten neun Monaten 2026 lag die ausgewiesene Marge bei 16,4 %, die um Restrukturierungseffekte bereinigte Marge bei 18,3 %.
Zugleich will das Unternehmen den Verschuldungsgrad von 3,3 Ende 2025 auf unter 2,5 senken. Das EBITDA soll durch die strategischen Maßnahmen um rund 150 Millionen Euro verbessert werden.
Zusätzlichen finanziellen Spielraum sollen die abgeschlossene Kapitalerhöhung über rund 300 Millionen Euro und neue Finanzierungsvereinbarungen im Umfang von ebenfalls rund 300 Millionen Euro schaffen. Von Letzteren war Anfang November etwa die Hälfte bereits verbindlich vereinbart. Die vollständige Umsetzung der Finanzierungsmaßnahmen ist bis Jahresende vorgesehen.
Entscheidend wird sein, ob Lenzing die geplanten Einsparungen tatsächlich realisieren und seine Profitabilität trotz des schwierigen Marktumfelds nachhaltig verbessern kann.
Lenzing-Aktie: Welche Chancen und Risiken bleiben?
Chancen: Die Kapitalerhöhung stärkt die Eigenkapitalbasis und verringert den Finanzierungsdruck. Der Ausbau des Vliesstoffgeschäfts, die geplanten Einsparungen und eine mögliche Erholung der Textilnachfrage könnten die Erträge mittelfristig verbessern. Erste Fortschritte zeigen sich bereits bei der bereinigten operativen Marge.
Risiken: Der Konzernumbau ist kostspielig und sein Erfolg noch ungewiss. Überkapazitäten, Preisdruck und die Konkurrenz asiatischer Hersteller bleiben Herausforderungen. Zudem verteilen sich künftige Gewinne durch die Kapitalerhöhung auf deutlich mehr Aktien.
Ob die Lenzing-Aktie nach dem Kurssturz wieder nachhaltig zulegen kann, hängt vor allem davon ab, ob der Konzern seine Margenziele erreicht, die Verschuldung reduziert und der Umbau des Textilgeschäfts gelingt. Die Analysten bleiben vorerst vorsichtig.
Autoren: Raja Korinek, Christian Sec
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